„Victoria & Albert Museum“ all over the world!

Keine Frage, wer will nicht nach diesem Bonner Gastspiel des „Victoria and Albert Museum“ nach London aufbrechen, die Cromwell Road in South Kensington an einem jener seltenen Londoner Regentage aufsuchen, um diese kaum begreifbare Morphologie des Zeitgeists aus 500 Jahren im Original zu erleben? Der bislang bloggierte User, jetzt ein ganz klassischer Besucher vor Ort, wird vielleicht fußmüde und erschöpft im „Grünen Speiseraum“ in der Originalausstattung von William Morris und Edward Burne-Jones verweilen. Der Bildungsparcours aus Kunst und Design für alle, ein Produkt der britischen Extraklasse, ist letztlich nicht in den Griff zu bekommen. Vermutlich schafft es nur das freie Spiel der kreativen Kräfte, Dinge wie Leonardo da Vincis’ Skizzenbuch und „Tippoos Tiger“ miteinander kommunizieren zu lassen. Das indische Raubtier-Kuriosum ließ sich übrigens Sultan Tippoo Sahib, vermutlich nicht sehr briten-freundlich, 1790 anfertigen. Der Tiger fällt gerade über einen britischen Soldaten her. Gleichzeitig wimmert im Innern des Raubtiers eine Drehorgel, die das Tiger-Gebrüll und Stöhnen des englischen Kolonial-Kriegers zu simulieren versucht.

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Plakat  der Design-Tagung im Forum der Bonner Bundeskunsthalle vom 19. bis 21.Januar 2012 (Entwurf des britischen Mode-Designers Paul Smith)
Foto: Roland Groß

Dieses britische Museumskonzept ging jedenfalls schon lange vor 1900 um die Welt. Das New Yorker Metropolitan Museum sprach bei seiner Gründung 1871, mit Blick nach London, vom „mustergültigsten seiner Art in der Welt“. So genannte Kunstgewerbe-Museen waren beim Publikum der große Renner – dies von Toronto (1912), über Kopenhagen (1890), Krefeld (1897), Zagreb (1880) bis Wien (1864), Budapest (1872), Winterthur (1874), Bombay (1872), Hamburg (1874), Helsinki (1873), Dortmund (1883), St.Petersburg und Berlin (1867), um nur wenige zu nennen. Das neue Gemisch mit  kommerziellem Hintergrund aus Industrieprodukt-Verbesserung und dem breiten Publikum im Visier, das Schausammlungen, Ausstellungen, Kunstschulen, Bibliotheken, Restaurants und Cafes vereinte, war seiner Zeit weit voraus und für alle heutigen Museen wegweisend. Das Berliner Kunstgewerbe-Museum zog 1881 in den Martin Gropius-Neubau, der sich an der Neo-Renaissance des – of course! – South Kensington Museum orientierte.


Wer vielleicht jetzt schon britische Entzugserscheinungen zu verspüren beginnt, dem leistet die Bonner Bundeskunsthalle zwischen dem 30. November 2012 und dem 7. April 2013 Abhilfe. Unter dem Titel Schätze der Weltkulturen ist das Britische Museum zu Gast.
So long!

Morris-Früchte bis heute haltbar!

Nochmals kurz zurück zu William Morris und unserer Abbildung seiner „Früchte (oder Granatäpfel)“ von 1862.

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Früchte (oder Granatäpfel), Entwurf: William Morris, Druck: Jeffrey & Co., 1865–1866, Seite aus einem Musterbuch mit 25 Entwürfen der Firma Morris & Co., farbiger Druck von Holzstöcken
© Victoria and Albert Museum, London

Nicht nur die Präraffaeliten und Nazarener, ein ästhetisch-religiöses Erbauungs-Nachbeben des Mittelalters und der Renaissance, bezogen sich malerisch auf jene Epochen. Auch Morris bezog sich mit diesem Entwurf auf mittelalterliche Pflanzenbücher aus dem V&A, abgesehen von unmittelbaren Pflanzenbeobachtungen und historischen Textilien. Doch zunächst waren diese Tapetenmuster nicht sehr beliebt und ließen sich nicht verkaufen. Mit dem Anbruch der impressionistischen Moderne änderte sich das in den 1870er Jahren. Die Trend-Elite ließ sich von den Innenausstattern jener Jahre zunehmend Morris-Muster an die Salonwände kleben – denn gedämpfte Tertiärfarben galten plötzlich als hip. Und all dies darf als

Selbst der Punch-Karrikaturist Edward Linley Sambourne wählte dieses Tapetenmuster für sein Londoner Haus. Und jetzt kommt’s, und es sei deshalb von mir als bleibendes Souvenir zur Bonner V&A – Ausstellung empfohlen, die am kommenden Sonntag ihre Pforten schließt: Vielleicht lässt sich ja auf den eigenen vier Wänden ein Fleckchen mit den Morris – Früchten dekorativ befruchten – die Tapete ist bis heute lieferbar!

V&A und Arts-and-Crafts

Wenn schon vom heutigen Ankaufsschwerpunkt des V&A – zeitgenössisches Design – gerade die Rede war, ist es nicht uninteressant, mal kurz darauf hinzuweisen, dass eine der ersten offiziellen Gründungen einer namentlich benennbaren Design-Schmiede ganz eng mit dem V&A-Vorläufer, dem South Kensington Museum und dessen Forderung nach Produktion und Ästhetik, verbunden ist: die Arts and Crafts Exhibition Society wurde 1887 in London gegründe – also in damaliger Zeit etwas höchst Zeitgenösisches. Handwerkliche Qualität, Einfachheit, klare Gestaltung und Bezahlbarkeit von Gebrauchsgütern – all dies verstand sich als Gegenbewegung zur Mechanisierung und sozialen Verrohung durch das Industrie-Zeitalter. Die beiden Köpfe von Arts-and-Crafts, William Morris und Walter Crane, suchten nach Massenkonsum-Alternativen. Das V&A wurde für Morris zu einem Ort der Inspiration. Dennoch erkannte auch er – gerade für seine bis heute beliebten und legendären Papier- und Tapetenentwürfe – die Vorteile moderner maschineller Drucktechniken. Wenn Morris auch chemische Farbstoffe ablehnte, wurde die Fotografie zu einem modernen Hilfsmittel in den drucktechnischen Herstellungsprozessen. Die Verkaufspreise indes waren für den Mann/die Frau von der Straße letztlich nicht bezahlbar – also ein Umstand, der 40 Jahre später mit dem Bauhaus und dessen ursprünglichen Absichten vergleichbar ist. Dennoch, nicht Weniges, was hier gerade an Alltags-Objekten und Möbeln gefertigt wurde, birgt im Ansatz manchen gestalterischen Gedanken der Wiener Werkstätten und des Bauhaus in Dessau.


Toastständer, Entwurf: Christopher Dresser, Ausführung: Hukin & Heath, Birmingham, um 1880,
Galvanisiertes Neusilber

Der Wald, William Morris, Philip Webb, John Henry Dearle, Herstellung: William Knight, John Martin, William Sleath, Merton Abbey, 1887, Teppich, Wolle und Seide auf Baumwollkette gewebt
beides: © Victoria and Albert Museum, London

V&A 2000: Contemporary Programme, aber auch à la Albert

Wie präsentiert man also eine schier unüberschaubare Objektwelt, die auf „Art and Design for All“ zielt und vor allem Studierende effektiv ansprechen soll? Ab den 1920er Jahren, aber konkret erst ab 1950, fand im V&A sehr allmählich der Wechsel statt: weg vom Zeigen nach Materialien und Fertigungsprozessen, hin zu einem neuen Epochenkonzept. Ein Prinzip, dem nach und nach nahezu alle Kunstgewerbemuseen folgten. Das V&A hielt letztlich sehr lange an seinem auf Designreformen ausgerichteten Gründungskritierien, gleichsam à la Prinz Albert, fest: eben beispielhafte Einzelobjekte für neue Geschmacksmaßstäbe, also die zweckdienliche Anwendung von Kunst, statt einer Vermittlung, die kunsthistorische Einsichten erzeugen soll. Der Mangel an zeitgenössischen Ankäufen wurde indes immer wieder beklagt. Der heutige intensive Ankaufsblick auf die Gegenwart wurde allerdings erst im Jahr 2000 gleichsam administrativ mit der Einrichtung des Contemporary Programme institutionalisiert. Zeitgenössische Objekte bilden heutzutage die Mehrheit der Ankäufe des V&A.

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Beispiele für Contemporary Design im V&A

1. im Eingangsbereich des Museums
2. "Cinderalla Table" des Niederländers Jeroen Verhoeven (2005)
Fotos: R. Groß

Sammeln, inspirieren oder nachahmen – aber wie?

Die Tage des V&A-Blogs sind gezählt, elementare Themen in Sachen Victoria & Albert Museum drängen sich nicht zuletzt schon deshalb auf – etwa das Zustandekommen dieser so vielgestaltigen Museumssammlung. Vor allem aber: wie das alles so begann.

Das heutige nationale Schatzhaus der Briten startete mit einem verblüffenden Gegensatz, damals (1852) noch im Marlborough House als Museum of Manufactures: Schülerentwürfe der Government School of Design standen Dingen aus der Industriefertigung gegenüber. 251 „Kunst-Beispiele höchsten Ranges“ hatte man auf der Weltausstellung, vor allem als Unterrichtsmaterial, angekauft. Schon bald wurden die königlichen Sammlungen durchforstet und Leihgaben ausgewählt: von Wandteppichen bis Sèvres-Porzellan. Historisches Kunstgewerbe wurde zusammengetragen auf einer rasanten Einkaufstour Henry Cole’s durch Frankreich und Italien. Die Sammlungs-Balance zwischen Alt und Neu sollte ja letztlich auf eine Designreform zielen. Offensichtlich gab man vor allem auf  Weltausstellungen jener Jahre prämierten aktuellen, aber auch historischen Arbeiten den Vorrang. Weltausstellung bedeutete letztlich ja meist: Nähe zur industriellen Fertigung. Keine Frage, vor allem das Allerneueste, nicht selten aber auch sehr teuer, stand im Ankaufs-Fokus des Museumssammlung. Wobei durch die zahlreichen Schenkungen das historische Material letztlich überwog. Die rein kunsthistorische Beurteilung stand hinter den Ankaufskulissen in einem ständigen Kampf mit dem Gesichtspunkt, „ die Fabrikanten in diesem Land zu unterstützen und anzuregen“ (Henry Cole). Premierminister Palmerston äußerte dennoch in den Debatten um den Ankaufsetat: “Was sollen unsere Fabrikanten mit solchem Krempel anfangen?“ 1880 nach Cole’s Pensionierung wurden gar alle modernen Produkte aus der Kollektion verbannt. Die Gegenseite geißelte sofort einen „Unterricht nur an den Werken der Vorfahren“, der Plagiatoren ausbilde. Das alles war Voraussetzung für das Zeitalter und die Stildominanz des Historismus. Der Berliner Museumsmann Wilhelm von Bode bedauerte dies beim Blick auf das Gesicht damaliger (um 1895) Kunstgewerbemuseen.

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Beispiele für Ankäufe neuer Produkte, wie hier von der Pariser Weltstaustellung im Jahre 1855.

1. Deckelvase, Sèvres, um 1855, Steingut, mit Emailfarben bemalt
2. Tisch mit Schrankaufsatz, Entwurf: Gottfried Semper, Herstellung: Holland & Sons, 1855
Ebenholz, Metall, vergoldet, Porzellan, Grisaille- und Wedgwood-Platten
3. Paneel, Giambattista Gatti, Rom, um 1855, Intarsien, Perlmutt, Elfenbein und Bein auf Ebenholz
alle: © Victoria and Albert Museum, London

Königliche Kutten – dressed to rule

Kommen doch wir noch mal kurz zurück auf die Kledage der Royals und die sozial, ökonomisch, sowie werbetechnisch kalkulierte Funktion königlicher Kutten. Leider nach wie vor nur original englischsprachig vorliegend, machte sich der britische Historiker Philip Mansel 2005 unter dem Titel Dressed to rule darüber so seine Gedanken. Die Herrschafts- und Leitwolf-Signale militärischer Kleidung fanden da bei ihm – konstitutionelle britische Monarchie hin oder her – etwa Beachtung. Oder die Stilikonen – eine Funktion, die schon bei Marie Antoinette zum Tragen kam  – und nicht erst bei Lady Di. Und nicht zuletzt wollten die glamoursüchtigen Bourbonen, noch kurz bevor sie guillotiniert wurden, das dekadente 'High end'-Segment der heimischen Textilindustrie ankurbeln. Das ist ja fast schon V&A-Philosophie! Vermutlich nicht gänzlich unironisch dürfte Mansel’s Schlussfolgerung einzuschätzen sein, dass die Pariser Februar-Revolution von 1848 nicht zuletzt wegen geänderten höfischen Kleidungsverhaltens ausbrach –  weil eben deshalb die Textilbranche zusammenbrach. So wissenschaftlich, so gut.

Allerdings ist all dies nichts gegen das aktuelle britische Dress Life des Monarchie-Nachwuchses. Oder anders gesagt: Frauen unter Beobachtungsdruck. Denn regelmäßig brechen die Internet-Server der Textilbranche zusammen, dies nach öffentlichen Auftritten der Herzogin von Cambridge, vormals Kate Middleton, als Folge einer gnadenlosen Fashion-Hatz auf Schuhe, Kleider, Handtaschen: da bisweilen bezahlbar, weil immer wieder von der Stange. So etwa jüngst das Kleid beim ersten karitativen Auftritt der Nachwuchs-Herzogin: die zweireihige blaue Alltags-Wollrobe hatte deren großbürgerliche Business-Mutter bereits 2008 in Ascot getragen – Shocking!  Doch selbst der Absatz von Hockeyschlägern war um 200 Prozent hochgeschnellt, als Kate kürzlich, dabei einen Schläger schwingend, das englische Damenteam besucht hatte. Der wirtschaftliche Aspekt sicherlich ganz im Sinne von Queen Victoria selig.

Video-Tipp: Kate Middleton's best looks

Fotoshooting einer Modesdesign-Studentin in Bonns Bundeskunsthalle

Bei Stichworten wie „Fashion-Inspiration durch das Museum“ und „Unterstützung des kreativen Geists“ gibt es Berichtenswertes jenseits des Ausstellungsraumes, denn offenbar wird auch die Bundeskunsthalle immer wieder gern als Inspirationsort gesehen...

Schließlich wurde das Haus nun schon zweimal als nicht minder inspirierende Location für das Fotoshooting einer noch ganz jungen, 1990 geborenen Bonnerin entdeckt und ausgewählt. Laura Groß studiert seit 2009 am „Design Department Düsseldorf – Akademie für Mode und Kommunikation“.  In diesem Sommer wird sie beginnen, ihre Abschluss-Kollektion zu entwickeln, die im Februar 2013 am Ende des 7. Semesters, zusammen mit anderen Modedesign-Absolventen, präsentiert werden wird. Vor wenigen Monaten, im Januar, hatte sie sich für ihre Kreationen zum Ende des 5. Semesters (Kollektionsname „Awake“), als Location offensichtlich für den Obelisken im Untergeschoss neben dem Echoraum der Bundeskunsthalle entschieden. Und ein selbstgedrehtes Video entstand gleich mit. Vermutlich war das für Laura Groß, um mit Vivian Westwood zu sprechen, ebenfalls eine „big experience“.  Aber ich muss zugeben, für mich und uns von der Bundeskunsthalle nicht minder. Den Rest mögen die bewegten und unbewegten Bilder dieses Shootings vermitteln.... .

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© Foto: Laura Groß, 2012

AWAKE - Mode von Laura Groß auf Vimeo. © Laura Groß, 2012

SB

Nicht nur Fashion-Inspiration für das 21. Jahrhundert

Vom V&A-Hotspot „Fashion“ war zuvor die Rede, dann aber auch von Mode als Mittel der Selbstinszenierung mit zuweilen politischem Kalkül – und dies mit Sicherheit nicht nur in der damaligen royalen Upperclass. Mode ist längst zu einem beachtlichen Zeitzeichen geworden, zur globalen Körpersprache – von oberflächlich bis hintergründig, von unten bis oben, quer durch das Bevölkerungsprofil des global village.

Ins V&A kommen mittlerweile Designer aller Richtungen aus aller Welt, um aus dem großen Inspirations-Kosmos der Sammlungen des V&A zu schöpfen – und dies nicht nur im Bereich Mode. Zu nennen wären etwa Bühnen-, Film- , Web- und Interieur Design, Grafik, Schmuck, Silbergerät, Möbel oder etwa Digitaltechnologie. Die derart Inspirierten der Kreativbranchen wurden 2007 darum gebeten, zum 150. Jahrestag der Eröffnung  der V&A-Keimzelle, nämlich des South Kensington Museum,  für den Jubilar ein Blatt zu kreieren. Ozwald Boateng, der unter den Schneidern  in der Londoner Savile Row das klassische Herrenmetier mit neuen Farben und Produkten belebt, schrieb etwa: „Die Unterstützung, die das V&A dem kreativen Geist bietet, seine Kenntnisse der Tradition und der aktuellen Entwicklungen, das ist die perfekte Balance“.  Also wieder mal „art and design for all“.

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Die Modedesignerin Zandra Rhodes – 1940 geborene „Princess of Punk“ mit immer noch pinker Haarpracht – ließ sich 1971 für ihre „Elizabethan slashed silk collection“ im V&A inspirieren. Und die „Queen of Punk“, Vivian Westwood, adelte ihr gestaltetes Jubiläumsblatt mit eigenem Foto, dies im T-Shirt mit der Aufschrift „I’m not a Terrorist“. Westwood schreibt von der riesigen visuellen Erfahrung, zu der das V&A für sie wurde, als sie mit 17 Jahren erstmals nach London kam. Beide Blätter, von Zandra Rhodes und Vivian Westwood, sind übrigens in der Bonner Ausstellung zu sehen.

SB

Royal Fashion für „theatrical politics“

Albert nannte es  „theatrical politics“, was strategische Außendarstellung meint oder vielleicht auch den public look der Royal Family. Das hat ganz konkret mit Mode und Kleidung zu tun, mit Repräsentation, die weit darüber hinaus aber als „moralischer Kompass“ fungierte. Ein Begriff, den Karina Urbach in ihrer Biografie zu Queen Victoria im Kapitel „Die Familienfirma“ findet. Das feudale Oben und Unten löste sich im viktorianischen Zeitalter auf, indem es vom bürgerlichen Wettbewerb und Wertesystem abgelöst wurde. Victoria und Albert fühlten sich diesem Prinzip zunehmend verpflichtet.

Der aus Baden stammende Franz Xaver Winterhalter entwickelte als Maler in enger Kooperation mit Prinz Albert öffentlichkeits-taugliche Porträt-Konzepte, vergleichbar den Stereotypen späterer Glamourfotografie. Wobei es hier allerdings um die Perfektion von Natürlichkeit ging, die konfektioniert war für Reproduktionen und somit für eine breite Identifikation mit der Bevölkerung. Da steckte etwa Alberts kleiner Sohn, immerhin als Thronfolger Albert Edward, 1846 im Matrosenanzug (Geburtsstunde eines Kinderkostüms), die Hände kess in den Hosentaschen.

Vorbild- und Ebenbild-Funktion einer aufsteigenden wohlhabenden bürgerlichen Klasse korrespondieren in diesen zahllosen Bild- und Mode-Inszenierungen miteinander. Die modernen Zeiten standen auf ungezwungen. So setzte Albert als einer der ersten europäischen Royals das erst 1839 geborene technische Medium der Fotografie mit Kalkül ein: indem er etwa das gesamte Weihnachtsfest als Familien-Hype detailliert ablichtete  – und verbreiten ließ. Passend dazu wurde Osborne House auf der Isle of Wight als „offener“ italophiler Palast gebaut, eine Familienresidenz nach menschlichem Maß: Little Italy am Ärmelkanal.

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Osborne House auf der Isle of Wight; Quelle: wikipedia.de

Eben bewusst anders als das Wohngruft-Ambiente von Windsor Castle und im Buckingham Palace. Wie meinte Churchill später, vermutlich ganz im Sinne Alberts: „Wir formen unsere Häuser, und dann werden wir von ihnen geformt“.

Fashion – ein Hotspot im V&A

Wenn schon Queen Victoria zu den Vordenkern von Design bzw. Mode und öffentlicher Kommunikation gezählt werden muss, erscheint es nahezu logisch, dass im Londoner „V&A“ im Laufe der Jahre eine fulminante Mode-Abteilung herangewachsen ist.  Allein ein Besuch auf der Website des „V&A“ unter dem Suchbegriff „Fashion“ verspricht ein Fest für die Augen und Synapsen. Interviews, Informationen, Fashion-Shows und die bekannten und noch wenig bekannten Namen aus dem Modezirkus der Welt fügen sich zu einem echten Hotspot.

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Abbildungen: Manolo Blahnik, 2007 und Christian Lacroix, 2007
© Victoria and Albert Museum, London

In diesem Zusammenhang muss natürlich auf  das am 19. Mai startende Mode-Projekt im Londoner „V&A“ hingewiesen werden. Gleichsam passend zu Karina Urbachs Vortrag zum viktorianischen Hochzeitspomp, beschäftigt man sich in einer Ausstellung (bis 6. Januar 2013) mit dem Thema „Ballgowns: British Glamour since 1950“. Es geht um Abendroben der letzten 60 Jahre, entworfen von britischen Couture-Häusern. „Man“ bedeutet mal wieder die beiden für „Mode“ verantwortlichen Kuratorinnen Oriole Cullen und Sonnet Stanfill: die Angloamerikanerin arbeitete früher als Einkäuferin New York. Die Irin Oriole Cullen stellt in den Räumen des „V&A“ auch immer wieder Catwalks auf die modischen Beine, darunter bislang etwa Präsentationen von Yohji Yamamoto und Gareth Pugh.